• Dr. Stefanie Puckett

New Work = Good, Old Work = evil?

Ich bin der Meinung, dass Diskussionen rund um New Work etwas einseitig geführt werden. Inspiriert von Klaus Eidenschinks Post https://www.linkedin.com/pulse/hat-new-work-auch-nebenwirkungen-klaus-eidenschink/, und Stephan Grabmeiers Appell https://bit.ly/2YWkqga, hier mein Beitrag.


Zum Thema Individuum in der gewünschten neuen Arbeitswelt gibt es in der Tat wenig kritische Beiträge. Team und Vernetzung wird groß geschrieben, WOL, Team Events, Interessensgruppen. Identifikation mit dem "Purpose" des Unternehmens, die Arbeit wird zum Leben, alle werden zu Führern und keiner wird geführt. Ein bisschen ist das Hype.


Und nicht jeder ist davon begeistert. Menschen haben unterschiedliche Prioritäten (selbst der gleiche Mensch hat unterschiedliche Prioritäten je nach Lebenssituation), Werte und Vorlieben. Extraversion, Dominanz, Eigenständigkeit, Verträglichkeit und Offenheit für Neues sind normalverteilte Persönlichkeitseigenschaften - es gibt also Menschen entlang des gesamten Spektrums.


Müssen wir in Zukunft alle Teamplayer sein? Grundsätzlich muss man sagen, dass steigende Komplexität, Kundenzentriertheit und ihr Fokus auf Wertschöpfungsketten, sowie die Digitalisierung schlicht ein mehr an interdisziplinärer Zusammenarbeit fordert. Das muss aber nicht in jedem Fall bedeuten, dass ich den ganzen Tag in einem „War room“ mit anderen sitzen muss. Selbst im Softwareentwicklungsbereich wird mit Freiberuflichen gearbeitet, die rein remote Arbeiten abliefern. Die trotzdem tendenziell zunehmende Teamorientierung (wobei diese ja auch nicht neu ist), wird vielleicht durch Möglichkeiten zum Home-Office oder mobilen Arbeiten ausgeglichen.

Das Thema Team birgt noch ein weiteres Risiko. Ein Spannungsfeld bei selbst-gesteuerten Teams liegt in der Konsenstendenz die sich entwickelt, die einzelne Ideen und Querdenker schnell glattbügeln kann. Meiner Meinung nach sollte viel stärker gefördert werden, dass Entscheidungen von Individuen getroffen werden, die bei Bedarf Rat einholen (ein Beispiel hier ist wieder The Morning Star Company oder auch Netflix). Es gilt, Entscheidungen an die „niedrigst“ mögliche Ebene zu delegieren, quasi an die Front, an jene Mitarbeiter/Teams, die die Notwendigkeit der Entscheidung direkt erleben (Anfragen von Kunden/ Risiken oder Chance am Markt, …). Für mich ist dies konsequenterweise nicht immer ein Team, sondern der/ die einzelne Mitarbeiter/in, der/ die entscheiden sollte.


Zum Thema Führung bzw. keine Führung. Es gibt nur hier und da kritische Beiträge zur Forderung nach weniger oder gar keinen Führungskräften. Ein Beispiel sind die Artikel, die man zu Zappos und der dort eingeführten Holokratie findet (Amerikanischer online Schuhhändler, mittlerweile von Amazon übernommen). Vieles davon habe ich in meinem Buch (https://amzn.to/2Wlgusv) aufgenommen, insbesondere die Illusion, dass führerlose Gruppen zu mehr Selbstbestimmung führen. Wo ich vorher eins zu eins mit meinem/r Chef/in verhandelte, verhandle ich nun mit einer ganzen Gruppe Kollegen. Um ein Beispiel zu nennen.


Andere kritische Beiträge gibt es von einzelnen kleineren Startups in Deutschland, die mittlerweile wieder auf etwas konservativere Strukturen setzen, sowie Berichte aus Silikon Valley, die einen Trend zeigen, Führungsebenen wieder einzuführen. Das zum Thema Führung.


Zum Thema Grenzen zwischen Privatleben und Beruf sowie zu den Herausforderungen, die die Forderung nach Flexibilität für unsere Identitätsbildung bedeutet, habe ich im Bertelsmann Booksprint geschrieben: https://www.bertelsmann-stiftung.de/index.php?id=12036.


Das reicht erstmal an kritischen Anmerkungen.

Denn: Ich denke, New Work macht einiges besser oder zumindest zeitgemäßer. Schön zu sehen ist, dass Jahrzehnte alte Forderungen von Arbeitspsychologen endlich populär aufgegriffen werden, z. B.: mehr Selbstbestimmung, ganzheitliches (end-to-end) und sinnerfülltes Arbeiten. Und ganz grundlegend: Menschen und Teams Freiheiten einzuräumen, ihren Job so zu machen, wie sie es für richtig halten, ist ein sehr großer Schritt in die richtige Richtung. Buurtzorg (niederländisches Pflegeunternehmen) ist ein fantastisches Beispiel, wie New Work Arbeit enorm verbessern kann und dies in dem angespannten Feld der Pflege.


Was will ich mit meinem Post erreichen?

Zum einen Diskussion anregen, nicht alles was glänzt ist Gold. Zum anderen darauf deuten, dass der One-size-fits-all Ansatz auch bei New Work nicht greifen wird.


Und letztlich: "Die Kirche im Dorf lassen!" Eine Erinnerung, dass wir für Arbeit bezahlt werden. Wenn sie Spaß macht und wir uns darin verwirklichen können, ist das toll, ohne Frage. Und erstrebenswert! Aber ein bisschen Zwicken hier und Schlucken da gehören leider manchmal einfach dazu - im Gehalt inbegriffen ;)


Dieser Beitrag erschien unter:

Puckett, S. (2019). New Work = Good, Old Work = Evil? Kopföffnende Gedanken zum Wirtschaften von morgen. Herausgeber: Stephan Grabmeier. BertelsmannStiftung.


Kostenfreier Download des ganzen Hefts: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/kopfoeffner-fuer-besseres-wirtschaften/


#NewWork #NeueArbeitswelt #NewLeadership #Agil #AgileTransformation #Digitalisierung #DigitaleTransformation #Kopföffner



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